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„Wo ist Angela Merkel?“


Die vierten Klassen besuchen den Landtag in Hannover – und werfen einen letzten Blick aus das Affengehege im Zoo

Der Reisebus hat sich gerade aus dem dichten Verkehr rund um Braunschweig gelöst, da ist von heller Stimme ein erleichterter Ruf zu vernehmen: „Nur noch 300 Meter bis Hannover!“. Ein älteres Kind schafft Aufklärung: „Das ist doch nur das Schild zur Ausfahrt.“ Tatsächlich sollte die Fahrt der vierten Klassen in die Landeshauptstadt an diesem unbeständigen Julimorgen etwas länger dauern als geplant – die Busse stehen gleich zu Beginn im Stau. Schließlich erreicht man doch nur ein paar Minuten verspätet das Ziel: den niedersächsischen Landtag.

Auf Einladung der Wolfenbütteler Landtagsabgeordneten Dörthe Weddige-Degenhard konnten sich die Schüler direkt vor Ort einen Eindruck von der Regierungsarbeit in Hannover verschaffen. Der erste Eindruck allerdings war nicht besonders freundlich. Wegen des Regens hatte kaum jemand einen Blick für die eindrucksvolle Landtagsfassade mit ihrem säulengetragenem Portikus. Schnell ins Trockene! Später allerdings wurde das Wetter besser, und es gab Gelegenheit für das obligatorische Gruppenbild auf den Eingangsstufen.

 

Im Landtag wird die Gruppe zunächst von den beiden Führerinnen Frau Mattuli und Frau Schulz begrüßt, die als „parlamentarischen Schnupperkurs“ eine Rallye durch den Landtag vorbereitet haben. „Wie viele Stufen hat die Treppe zur Eingangstür?“ „Welchen Vornamen hat die Dame oder der Herr an der Anmaldung?“ Ausgehend von leicht zu lösenden Aufgaben bahnen sich die Kinder einen Weg vom Gebäude zur Institution: Bald kreisen die Fragen um Begriffe wie Partei, Fraktion, Gesetz und Volksvertreter. Abzuschrecken scheint das niemanden.

Schließlich geht es ins Zentrum der Macht: in den Plenarsaal. Binnen Sekunden ist der hohe fensterlose Raum von Leben erfüllt. Aufgeregte Stimmen schwirrten durch die Luft. „Ich sitze bei der CDU!“, ruft einer stolz. Andere sind eher darauf bedacht, eine der wenigen Vierertische zu ergattern. Besonderes Interesse erregen die Präsidiumsplätze am Kopf des Saals. Auf den erhöhten Sitzen spielen die ersten Kinder schon einmal Herrscher. Die Plätze des Ministerpräsidenten und seiner Regierung, die sich seitlich daran anschließen, bleiben dagegen unbeachtet. Dass auf den Tischen die Namen der jeweiligen Abgeordneten verzeichnet sind, sorgt für weitere Aufregung. „ Ehlers, hier steht Frau Ehlers!“, ruft ein Mädchen, das auf dem Platz der Lüneburger SPD-Abgeordneten Andrea Schröder-Ehlers sitzt. „Wo ist Angela Merkel?“, fragt ein anderer.

Als die erste Entdeckerfreude gestillt ist, machen sich die beiden Landtagsführerinnen an die Quiz-Auflösung. Auf die Frage nach den bekannten Parteien geben sie sich schon mit den im Landtag vertretenen zufrieden. Da ruft es aus verschiedenen Ecken: „Und die Piraten!“ Die Führerin wundert sich: „Die sind wirklich schon unglaublich bekannt: Jede Grundschulklasse weiß von den Piraten.“ Dass im Portal des Gebäudes nicht etwa ein Pferd, sondern ein Einhorn abgebildet ist, sorgt dann nicht nur bei manchen Kindern für Erstaunen. Und auch die Mitteilung, man dürfe die ausgeteilten Landtags-Kugelschreiber behalten, erfreut alle Besucher.



Schließlich begrüßt Dörthe Weddige-Degenhard, die schon seit Beginn mit dabei war, noch einmal die gesamte Gruppe und stellt sich den Fragen der Kinder. Die sind gut vorbereitet und erkundigen sich genau nach Aufgaben und Arbeitsalltag eines Abgeordneten. Auf diese Weise erfährt man, dass man im Landtag nicht fluchen und vor allem seine Kollegen nicht beleidigen darf. Das aber kann recht schnell geschehen. Schon ein Satz wie „Das ist doch Quatsch“ zieht eine Rüge des Landtagspräsidenten nach sich. Essen und Trinken ist im Saal trotz der ausgedehnten Sitzungen nicht erlaubt, und wenn es zu einer Abstimmung kommt, ertönt im gesamten Gebäudekomplex bis hin zu den entlegensten Abgeordnetenbüros eine Klingel, um jeden Gelegenheit zu geben, seine Stimme abzugeben. Dafür halten die Volksvertreter in der Regel farbige Zettel in die Höhe, die in den an diesem Vormittag viel beachteten Schubladen an ihren Plätzen liegen. Sollte sich das dann nicht klar zählen lasen, kommt es zum „Hammelsprung“: Jeder Abgeordnete geht durch eine der drei Türen, über die die Worte „Ja“, „Nein“ und „Enthaltung“ angebracht sind.
Nachdem sie geduldig alle Fragen beantwortet hatte, war Dörthe Weddige-Degenhard sehr zufrieden mit den Geitelschülern: „Es war wirklich eine sehr interessierte und vergleichsweise ruhige Gruppe“, sagte sie. „Das ist bei Weitem nicht immer so.“

Die so Gelobten fuhren schließlich vom Landtag in den Zoo, wo tags zuvor große Aufregung herrschte: Eine Gruppe Schimpansen war mit ihrem Anführer Maxi aus dem Gehege ausgebrochen und hatte sich frei über das Gelände bewegt. Für die Besucher war der Zoo daraufhin geschlossen wurden. An diesem Tag war aber wieder freie Bahn, und auch die Sonne hatte sich mittlerweile eingestellt. Doppeltes Glück für die Ausflügler: Das Wetter sollte in den folgenden Tagen noch herbstlicher werden. Und das Affenhaus wurde tags darauf endgültig geschlossen. Die Geitelschüler gehörten zu den letzten Besuchern, die es besichtigen konnten.

Stefan Arndt
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